Oktober 2014: Rede auf der antifaschistischen Demonstration in Göppingen

Es folgt nun eine Rede verschiedener baden-württembergischer Antifa-Gruppen, die in den letzten Jahren gemeinsam intensiv gegen den Göppinger Naziaufmarsch gearbeitet haben. Ich spreche für die Antifaschistische Aktion [o] Villingen-Schwenningen, die Antifaschistische Jugend Mannheim-Ludwigshafen, die Antifaschistische Aktion Lörrach, die Antifaschistische Linke Achern-Bühl und die Antifaschistische Aktion (Aufbau) Stuttgart.

Liebe Antifaschistinnen und Antifaschisten,
Liebe Passantinnen und Passanten,

am zweiten Samstag im Oktober fanden hier in den letzten beiden Jahren jeweils die größten Naziaufmärsche in Süddeutschland statt. Für dieses Jahr haben die Faschisten ihren Aufmarsch abgesagt. Dennoch stehen wir heute hier auf der Straße, um zu zeigen: Das ist insbesondere unser Verdienst.
Anfang des Jahres wurde gegen die faschistische Gruppierung „Autonome Nationalisten Göppingen“ von staatlicher Seite aus ein Verbotsverfahren eingeleitet. In diesem Zuge gab es in der Gegend mehrere Hausdurchsuchungen und Strafverfahren gegen deren Mitglieder. Infolgedessen zerstritt sich die faschistische Szene in der Region. Die Rechten sagten bei der Polizei gegeneinander aus. Der führende Kopf der Nazis Daniel Reusch beteuerte seinen Ausstieg.
Das führte allgemein zu einer massiven Schwächung der örtlichen rechten Szene. War diese zuvor sehr aktionistisch, fanden seit dem Frühjahr kaum noch Aktionen statt.
Dennoch ist das Naziproblem in Göppingen keinenfalls gelöst. Die von bayrischen Nazis am 30. August vor dem Göppinger Bahnhof organisierte Kundgebung ist ein weiterer Beleg dafür. An der Kundgebung beteiligten sich auch Nazis aus Göppingen und der Region.
Das Vorgehen des Staates gegen die Göppinger Faschisten, ist Ergebnis jahrelanger antifaschistischer Arbeit in der Region. Die ganze Zeit über wurden faschistische Umtriebe öffentlich thematisiert. Aktionen der Rechten wurden immer wieder gestört. Bei einer Durchsuchung des Schrebergartens eines Faschisten, entdeckten engagierte AntifaschistInnen Waffen. Nicht zuletzt zu nennen sind auch die großen Proteste gegen die Naziaufmärsche in den letzten beiden Jahren hier in Göppingen. Bis zu 2000 Antifaschistinnen und Antifaschisten beteiligten sich daran. Im Endeffekt war es weder 2012 noch 2013 möglich, den Naziaufmarsch auch tatsächlich zu verhindern. Grund hierfür war aber keineswegs eine schlechte Organisation der Gegenaktivitäten oder fehlende Entschlossenheit auf unserer Seite. Wir sahen uns schlichtweg einer militärischen Überlegenheit der Polizei gegenüber. Das riesige Aufgebot von 2000 Beamten, einer großflächig abgesperrten Innenstadt und passivem Pfefferspray- und Schlagstockeinsatz war die staatliche Antwort auf antifaschistischen Widerstand.

Dieses Vorgehen führte in beiden Jahren zu mehreren dutzend teils schwer Verletzten. Dennoch gelang es in beiden Jahren so zu agieren, dass der Aufmarsch zeitlich verzögert beziehungsweise die Route der Nazis verkürzt werden musste.
Einen beträchtlichen Beitrag dazu haben auch diverse militante Aktionen geleistet. So wurde etwa die Anreise der Faschisten mehrmals durch Angriffe auf die Zugstrecke erschwert. Genauso auch die Versuche koordiniert durch Polizeiketten zu brechen, um auf die Route der Nazis zu gelangen.
Wichtig ist in diesem Zusammenhang, das militante Aggieren nicht gegen die massenhaften Aktionen des zivilien Ungehorsams oder die stationären Protestegesellschaftlicher Kräfte zu stellen. Nur das Zusammenspiel verschiedenster Aktionsformen sorgt letzten Endes für das Ergebnis, das allen AntifaschistInnen am Herzen liegt: Die Verhinderung menschenverachtender Aufmärsche auf unseren Straßen! Diese Notwendigkeit haben in Göppingen leider nicht alle erkannt. Das bewusste Verschweigen und Verleugnen des Naziproblems durch Stadt und Polizei wurde von medialer Hetze gegen antifaschistische Blockaden flankiert. Daran beteiligte sich leider auch das lokale Bündnis „Kreis Göppingen Nazifrei“.
Und dennoch stehen wir heute hier und tragen unsere Inhalte auf die Straße und das ist richtig so. Schließlich ist die aktuelle Inaktivität der Nazis gerade der Verdienst von engagierten AntifaschistInnen. Die die nicht müde wurden den Nazis entgegenzutreten, aufzuklären und Proteste zu organisieren waren es die den Druck auf die staatlichen Behörden dermaßen erhöhten, dass diese sich gezwungen sahen, gegen die Göppinger Faschisten vorzugehen.
Dennoch wäre es der falsche Weg in der antifaschistischen Arbeit, mit Appellen an die staatlichen Behörden heranzutreten. Dass der Staat kein allzu großes Interesse hat, gegen organisierte und gewalttätige Faschisten vorzugehen, und höchstens auf massiven Druck reagiert hat sich auch lange Zeit in Göppingen gezeigt. Stadt, Polizei und Co. waren von Beginn der faschistischen Aktivitäten an, vor allem darauf bedacht, diese zu verharmlosen oder totzuschweigen. Wenn sie aktiv wurden oder jemandem Steine in den Weg legten, dann galt das jenen, die gegen die Faschisten vorgingen.
Es liegt also an uns den Kampf gegen rechts in die Hand zu nehmen und zu organisieren. Gemeinsam und solidarisch gilt es auf verschiedenen Ebenen gegen die faschistische Gefahr aktiv zu werden: Ob im Betrieb oder der Schule, mit Veranstaltungen oder auf der Straße. Der Kampf gegen rechts umfasst viele Bereiche und Ebenen. Jede davon hat ihre Berechtigung und Legitimität.
Dass dies der richtige Weg ist, zeigt, dass hier und heute keine Nazis marschieren und das ist unser aller Verdienst!

In diesem Sinne:
Faschismus konsequent bekämpfen!
Antifaschismus ist notwendig und legitim!
Die Antifaschistische Aktion aufbauen!

 

Oktober 2014